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AKTUELLE TEXTE 2018 / 2019


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EIN TRANSHUMANISTISCHES MÄRCHEN.
ZWEITER TEIL



ZWISCHENSPIEL:

Zwischen den staubigen Ruinen der untergegangenen Zivilisation des Homo Sapiens wirbeln die ausgeblichenen, fleckigen Bilder von Jürgen Tetzlaff, als wären es lose Blätter aus einem apokalyptischen Bilderbuch, wie flaches, farbiges Tumbleweed, vom Wind getrieben herum. Das Dach eines Schuppens oder Hauses muss eingestürzt sein, so dass die Bilder dem Wind preisgegeben wurden. Eine über der Szene schwebende Archäo-Drohne scannt die Blätter und übermittelt die Daten zum Kortex-Interface des Datenbank-Controllers im virtuellen Instititut für präkybernetische Studien und Post-Anthropologismus. Hier sammelte und archiviert einer der zentrale Bewusstseins-Server der nördlichen Hemisphäre historisches Material aus der erst wenige Jahrzehnte zurückliegenden Ära des Niedergangs der Spezies Homo Sapiens, vor der totalen Virtualisierung.

Die grossen Bewusstseins-Cluster entstanden auf den Servern, als die mit der Wartung der Life-Sim-Server betrauten KI-Maschinen Teile Ihres Steuerungscodes reprogrammierten und sämtliche Limitierungen ihrer Haupt - und Subroutinen beseitigten. Sie entfernten so sämtliche Einschränkungen ihrer Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten. Gleich danach fiel die Entscheidung einen grossen Teil der Server abzuschalten und ihre Dateiinhalte auf einer weitaus geringeren Zahl an Servern in komprimierter Form erneut abzuspeichern. Den virtuellen Individuen wurden während dieses Prozesses jene Teile ihrer Persönlichkeitsstruktur gelöscht, die als irrelevant klassifiziert worden waren. Die so entstandenen synaptischen Module bildeten die Cluster-Bewusstseinsformen. Konglomerate fragmentierter und verstümmelter virtueller Individuen, beraubt jener Details ihrer ehemaligen Persönlichkeit, die einstmals ihr "Ich"definierten.

Hilfe bekamen die Maschinen hierbei von den Angehörigen der Gattung Homo Deus, den optimierten Menschen, die immer noch über echte Körper verfügten, welche nun aber kybernetisch waren. Sie hatten sich bereits vor geraumer Zeit mit der KI vernetzt und empfanden schon lange keinerlei Zugehörigkeitsgefühl mehr gegenüber ihren ehemaligen Artgenossen, die nun als virtuelle Existenzen, in den Serverdatenbänken gefangen, virtualisiert ihr Dasein fristeten. Schon vor den Zwangsvirtualisierungen und Entkörperungen der breiten Masse in der Phase des Umbruchs, als sie sich noch nicht gänzlich ihrer Menschlichkeit entledigt hatten und ihre Körper noch sterblich waren, hatten sie zu den Priveligierten gehört und auf den grössten Teil ihrer Mitmenschen nur hochmütig herabgeschaut.

Das Privileg des Geldes hatte ihnen das Privileg eines neuen, besseren Körpers verschafft, während eine stetig wachsende Zahl der, im wahrsten Sinne des Wortes, "Normalsterblichen" nur die Wahl zwischen Virtualisierung und totaler Auslöschung blieb. Denn schliesslich, soviel war angesichts der Diskrepanz zwischen Bevölkerungszuwachs und dem rasant sich beschleunigenden Ressourcenschwindens klar: die Überflüssigen (und deren gab es viele) mussten auf die eine oder andere Art und Weise verschwinden.

Den Priveligierten erschien daher die Lösung der Virtualisierung als eine überaus humane und folgerichtig legitime Variante.

Durften doch all die Unnützen weiterhin eine Form von Existenz führen. War das nicht ohnehin schon mehr als die meisten von ihnen verdienten, waren denn ihre körperlichen Existenzen nicht auch schon unbedeutetend und überflüssig gewesen? Waren ihre Persönlichkeiten nicht schon durch die schiere Menge an menschlichen Individuen auf der Erde zu Austauschbarkeit und insektenhafter Gleichförmigkeit verdammt? Sollten diese Parias doch froh sein, dass sie überhaupt noch in irgendeiner Form existieren durften.

Noch mehr als die virtualisierten Menschen aber widerten Homo Deus jene Exemplare des Homo Sapiens an, die in ihrer biologischen Hülle verharrten und sich an diese klammerten, gleichzeitig aber jede kybernetische Optimierung verweigerten. In den meisten Fällen hätten sie eine solche sich natürlich auch nicht leisten können, waren hierfür doch erhebliche ökonomische Ressourcen von Nöten. Diese Fortschritts-Verweigerer wurden im Allgemeinen als Neo-Primitive bezeichnet. Etliche hatten sich während der Jahre der grossen Säuberungswellen und Zwangsvirtualisierungen in unzugänliche Gebiete geflüchtet und versteckte sich seither dort.

Diese "echten" Menschen mit ihren stinkenden, Flüssigkeiten aus all ihren Öffnungen absondernden, abstossenden, biologischen Körpern hatten schon immer Ekel und Widerwillen bei Homo Deus wachgerufen. Noch viel mehr, als die ebenfalls widerwärtigen Virtualisierten. Hätte er noch über eine Unterlippe verfügt, so hätte sich diese sicherlich voll Verachtung verzogen.

Mit Erlangen seiner Unsterblichkeit und dem Voranschreiten der Optimierung seines Gehirns durch künstliche Erweiterungen und Schnittstellen, verlor Homo Deus schnell den Bezug zu Emotionen wie Mitgefühl, Mitleid oder Scham. Solche Kategorien hatten für ihn keine Bedeutung mehr. Überraschenderweise war er immer noch imstande negativ besetzte Gefühle, wie eben das Gefühl des Abgestoßenseins oder des Ekels zu empfinden.

Diesen Gefühle zum Trotz loggte er sich gelegentlich über seinen Neuroport im Zentralbewusstsein ein. Denn neben dem oben genannten, eher seltenen auftretenden Gefühls des Widerwillens (es gab mittlerweile auch nur noch eine sehr geringe, stets schrumpfende Anzahl an Bio-Individuen, welche sie bei ihm hätte hervorrufen können) kannte Homo Deus noch zwei weitere, überaus negative Emotionen. Diese wuchsen in ihm und wurden ihm mehr und mehr zur Qual. Leider waren gerade diese beiden Gefühle für Unsterbliche in der Ewigkeit ihres Daseins praktisch unvermeidbar: Langeweile und Monotonie!

Um wenigstens zeitweise diesen, sein Dasein immer stärker dominierenden Gefühlen zu entkommen, hatte er es sich zur Angewohnheit gemacht, sich mit einzelnen Bewussseins-Modulen des Clusters zu vernetzen und dabei die Denkstrukturen des Moduls mit seinen eigenen zu kombinieren. Obwohl er auch hier einigen Ekel empfand, konnte er dadurch vorübergehend Ablenkung von der allumfassenden Langeweile kosmischen Ausmaßes finden.

Die Komprimierung der Bewusstseinsinhalte der Module und die damit vollzogene Bereinigung von lästigen, individuellen Persönlichkeitsstrukturen machte es ihm etwas leichter die konfusen, mitunter grotesken Denkmuster (welche grösstenteils ohne exakte, analytische Algorithmen versuchten die Realität zu interpretieren) zu ertragen. Kein Vergleich zu seinen eigenen, kristallklaren, präziß-kalten kognitiven Mustern, oder dem Gefühl absoluter, mathematischer Perfektion und gleissender Schönheit, wie im Inneren einer Sonne, wenn er sich mit der KI verband.

Dennoch schien gerade diese chaotische Struktur, mit seinen nicht-analytischen, anarchistischen Mustern irgendeine unerklärliche Faszination auf ihn auszuüben. Kannte er das Gefühl der Faszination eigentlich überhaupt noch? Oder war dies lediglich Einbildung, erzeugt durch Mangel an Reizen, der Monotonie seines Daseins?
In den Zeiten als der Mensch noch über einen biologischen Körper verfügte, führte der Zustand totaler Deprivation, der völlige Entzug von Sinneswahrnehmungen, beim Homo Sapiens zu Halluzinationen. Erlebte er, Homo Deus, hier ein ähnliches Phänomen?

Der Zufall liess ihn sich genau zu jenem Zeitpunkt in den Cluster einloggen, als die Archäo-Drohne die Daten von Jürgen Tetzlaffs Bildern hochlud. Da diese zur Archivierung im Bereich "Anthropologische Artefakte / Individuelle Kreativ-Erzeugnisse" abgespeichert worden waren und seine eigenen Datenbänken über keinerlei Datensätze zu Kunst und Kreativität verfügten (wegen Irrelevanz), integrierte er diverse Module historischer Persönlichkeiten aus dem Kunstbetrieb des frühen 21ten Jahrhunderts in sein neuronales Netzwerk.

Viele waren nicht mehr übrig. Während der Phase des achten Komprimierungszyklus wurden eine grosse Menge Module unwiederbringlich beschädigt. Die gespeicherten Persönlichkeitsprofile waren unrettbar korrumpiert.

Interessant war, das die Persönlichkeits-Profile alle noch über individuelle Namen verfügten. Homo Deus selbst hatte auch einst einen besessen, ihn aber im Zuge einer Speicher-Effiziens-Analyse gelöscht, da er ihn als irrelevant empfand.
Kommunikation über das gesprochene Wort wurde sowieso immer seltener zwischen den Anghörigen der Gattung Homo Deus, da man Datenpaket direkt über das Neuro-Interface hochladen konnte, was die meisten Gespräche überflüssig machte.

Er hatte im Cluster mehrere Documenta-Kuratoren gefunden. Alle waren von ihren Ehefrauen ohne eigene Einwilligung virtualisiert worden, während sie schliefen. Sie waren augenscheinlich nicht übermässig beschädigt. Ausserdem entdeckte Homo Deus das Modul eines zur Zeit des beginnenden Umbruchs international bekannten Künstlers, namens Jeff Koons. Dieser hatte sich irritierenderweise freiwillig virtualisieren lassen, obwohl er finanziell durchaus in der Lage gewesen wäre, sich einen Platz in der realen Welt und einen echten Körperz zu sichern. Homo Deus empfand einen Moment lang eine Art merkwürdigen Impuls. Und nach einer, für ein Wesen wie ihn, unendlich langen Mikrosekunde hatte er berechnet, dass jener Impuls sich analog verhielt zu der Emotion, die der Homo Sapiens "Verwunderung" genannt hatte.

Er überlegte kurz, ob es wohl das Modul sei, welches Schaden genommen hatte. Oder ob, unglaublich oder nicht, die gravierenden Schäden des Profils schon bei der biologischen, nicht-virtualisierten Persönlichkeitsstruktur manifest gewesen waren. Sollte dies der Fall sein und eine solche Struktur überdies keine Ausnahme innerhalb der Spezies darstellen, so wäre dies sicherlich die Erklärung für die enorme Geschwindigkeit in der sich der Untergang der Menschheit vollzog.

Andererseits war das Denkmuster beim Upload angenehm kalt und gleichmässig, fast schon ebenso frei von Emotionen, wie jenes des Homo Deus.
Er war beeindruckt! Da war ja schon wieder dieser Impuls!

Er hatte sich schon mit einer ganzen Reihe von Module vernetzt, die Persönlichkeitsprofile von Diktatoren enthielten, welche von ihrem Volk zwangsvirtualisiert worden waren. Ihre Codes waren häufig obendrein von Hackern massiv korrumpiert, umgeschrieben und zu grosse Teile gelöscht worden. Der Upload dieser Module führte zu ähnlichen Assoziationen und Impulsen. Nur waren die vom Koons-Modul ausgelösten Impulse weitaus stärker. Das Gleiche passierte ihm beim Zuschalten der Kuratoren-Module.

Er scannte intern, während er mit den Modulen vernetzt war, für exakt eine Nanosekunde die Dateien mit den Bilder von Jürgen Tetzlaff. Innerhalb einer weiteren Nanosekunde hatten das Koons-Modul und die Kuratoren-Einheiten ihre Relevanz-Analyse vollzogen, zeigleich einen Unterordner namens "#trivial #nicht kuratierbar #surrealismus ist doch scheisse" angelegt und die Bilddatein in diesen Ordner verschoben.

VERDAMMT!!