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AKTUELLE TEXTE 2018 / 2019


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ÜBER DIE DARSTELLUNG ZUKÜNFTIGER TECHNOLOGIE UND DEREN FORMALE KRITERIEN

Die Technik der Zukunft wirkt in den Werken von Jürgen Tetzlaff, sofern sie denn überhaupt sichtbar in Erscheinung tritt und nicht an ihrer Stelle gänzlich abstrakte Metaphern verwendet werden, weder sonderlich futuristisch noch realistisch.
Die Assoziationen, die sich bei den entsprechenden Bildelementen aufdrängen lauten: anachronistisch, schäbig und durch ihre absurd-konfusen Konstruktionen auch merkwürdig naiv. Als würde der Blick in zukünftige Welten durch die Augen eines staunenden Kindes erfolgen, für welches die Zusammenhänge des Gesehenen unbegreiflich bleiben müssen - dieses Kind ist der heutige Mensch, das sind wir selbst.
Durch die sich mit ständig zunehmender Geschwindigkeit vollziehende technologische Entwicklung werden realistische Prognosen zur menschlichen Zukunft immer unwahrscheinlicher. War es einem Leonardo da Vinci oder einem Jules Vernes zumindest möglich die Grundideen zukünftiger Technologien zu erfassen und beschreiben, so wird es für uns gänzlich unmöglich werden selbst über nur wenige Jahrzehnte in der Zukunft liegende Zeitabschnitte eine Aussage zu machen. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Versuch von renommierten Wissenschaftlern oder von Autoren trivialer Literatur unternommen wird. Letztere scheinen sogar die höhere Trefferquote aufzuweisen, vermutlich weil sie ihre Annahmen deutlich weniger durch realistische Rahmenbedingungen beschränken. Durch die forcierte Entwicklungsdynamik wird unser Blick in die Zukunft immer nebulöser, immer unfassbarer.

Arthur C. Clarkes drittes Gesetz lautet:

"Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden"

Dies gilt natürlich insbesondere für Kulturen, deren Entwicklungsniveau deutlich unterhalb derjenigen Kultur liegt, die diese fortschrittliche Technik entwickelt hat und nutzt.
Ergänzen könnte man Clarke´s Gesetz um den Zusatz, dass diejenigen, die über diese fortschrittlichen Technologien verfügen zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte den Angehörigen der primitiveren Kultur wie Götter erschienen.

Unter Berücksichtigung der oben beschriebene Problematik wird klar, dass die gewählte Darstellungsform der zukünftigen Technologien bei Jürgen Tetzlaff keine rein stilistische, keine zufällige oder subjektive Entscheidung ist, sondern eine inhaltliche Aussage: Eine Metapher für die unvermeidliche Naivität unseres heutigen Betrachtungsstandpunktes. Der Versuch ein realistisches Bild der Zukunft zu zeichnen, oder auch nur eine annähernde Prognose zu formulieren, muss zwangsläufig scheitern. Die Konsequenz ist folgerichtig der gänzliche Verzicht auf einen darstellerischen Realitätsanspruch.

Statt Realismus im Blick auf die Zukunft vorzugeben bedient sich Jürgen Tetzlaff bei der Wahl der stilistischen Quellen u. a. bei den Covern von SciFi-"Schundheften" der 60er und 70er, Underground-Hippie-Comics der gleichen Jahre, drogengeschwängerten Siebdruck-Bandplakaten, bei den aberwitzig detailliert gestrichelten Radierungen des frühen Ernst Fuchs, den Flyern der Technoszene der 90er, bei Hans Bellmers bizarrer "Puppen"-Fotoserien aus den 30er Jahren, bei den herrlich alptraumhaften Assemblage-'Szenarien von Edward Kienholz, bei Dave McKeans einzigartige grafische Arbeiten, den Lithografien der 60er Jahre vonPaul Wunderlich, bei John Heartfields antifaschistischen Collagen. Er verwendet Raster-Effekteund Muster aus OpArt, PopArt und von billigen, alten Printproduktionen. Aber auch Gesichter und Figuren aus den wunderschönen, sonderbaren und grauenvollen (Foto-) Welten eines Joel-Peter Witkin oder Roger Ballen. Generell werden alle Arten von alten Fotos der Jahre 1920 bis 1970, ausgebeutet, egal ob der Bildinhalt pornografischer, anthropologischer, historischer oder technischer Natur ist.

Die Kombination all dieser nur scheinbar widersprüchlichen Stilmittel schafft eine fiebertraumartige Phantastik des Inhalts und der Form.