Über meine Bilder

Das Grotestke

"Die Malerei ist die Fortführung des Traums mit anderen Mitteln."
Neo Rauch

Während der Träumens entstehen seltsam ambivalente Situationen und Gefühle - Situationen, in denen lang Gekanntes merkwürdig und Fremdes scheinbar vertraut erscheint. Dass die nächtlich geschaffenen, subjektiven Realitäten auch irreal-bedrohliche Formen annehmen können, wissen wir alle...

Und die Beunruhigensten sind jene, welche uns am nachhaltigsten in der Erinnerung haften bleiben. Das Morbid-Groteske war schon durch unsere Träume von Anbeginn in unserem Kollektiv-Unterbewußten verankert - von den ersten künstlerischen Äußerungen des Homo Sapiens bis zur Kunst des 20. Jhds. zerrten Künstler die Monstren, die Phantasmagorien dieses dunklen Bereichs des Menschlichen ans Tageslicht, auf ihre Leinwände, auf ihr Papier.

Und da auch der Moderne Mensch der Gegenwart allmählich den irrationalen Traumgeschehen ausgesetzt bleibt, existiert auch weiterhin die archaische Faszination des Phantastischen.

Mir geht es dabei in meinen Bildern nicht um einen Surrealismus im Breton'schen Sinne, einer bildnerischen Wiedergabe von Trauminhalten. Vielmehr steht die Transformierung des konkreten Gegenstandes, der realen Vorlage ins Irreale, in die groteske (Form-)Sprache des Traums im Zentrum. Der reale Ausgangspunkt wird manieristisch verzerrt; überzeichnet zugunsten einer expressiven Dramatisierung der Bildwirkung verfremdet. Damit gelangen wir auch schon zum nächsten wichtigen Punkt in meiner Arbeit.

Der Zerfall

Das Moment des Grotesken wird ergänzt durch das Morbide, der bildnerischen Suggestion des Vergehens und Dahinwelkens. Wie im (Alp-)Traumhaft-Grotesken schafft auch der Gebrauch des Morbiden als bildnerischem Mittel, die zuvor schon angesprochene Ambivalenz aus Faszination und Schrecken, einem Dualismus den ich auch versuche, formal zu spiegeln, indem ich heftigen Gestus und wilde Strukturen mit klaren Linien und akribisch detaillierten Bereichen kombiniere.

Der Zerfall schafft die Bildintensität, egal ob Akt, nature morte oder Landschaft - alles wird zum existentialistischen Drama: Leben heißt sterben; Zeichnen heißt, sich dessen bewußt zu sein.

Der Zerfall ist es, der die skurrileren, die interessanteren, die dynamischeren Formen und Strukturen schafft. Der Zerfall erzeugt die Verwandlung vom banalen Gegenstand zum Symbol.

Die Radierung

Ende 2003 kam es für mich durch den Erwerb einer alten Presse zu einem Wechsel in der Technik, weg vom Malerischen hin zur Graphischen Arbeit. Mit diesem Wechsel vollzog sich auch eine Umbewertung der Bildinhalte. War ich in meinen früheren Bildern, insbesondere auf den Leinwandarbeiten, bemüht, extrem komplexe Inhalte zu vermitteln (wobei ich manchmal von der schieren Menge meiner eigenen Symbolik erschlagen zu werden drohte) so rückte mit der Radierung das "Wie" in den Vordergrund. Dieses "Wie" transportiert die eigentliche Aussage besser als das "Was".

Obwohl der Prozess der Herstellung einer Radierung kompliziert und sperrig ist und man auch einen ständigen Kampf gegen Tücken der Technik, wie auch die Unwägbarkeiten der Säurewirkungen kämpft, bilden gerade die enorme Komplexität und die alchemistisch anmutenden verschachtelten Arbeitsgänge den speziellen Reiz dieses Mediums.

Scheitern gehört hier zum Geschäft und mir persönlich kommt die Mischung aus Zufall und Kontrolle auch hinsichtlich der bildnerischen Konzeption entgegen: roh gesetzte, grabenartige Strichätzungen gegen feinste Schraffuren an den Grenzen der Sicht- und Druckbarkeit; heftig strukturierte Aquat-Tinta gegen mikroskopisch-detaillierten Sprengsel-Flächen...

Die Dynamik der Gegensätze, hier haben wir sie wieder.

Als abschliessendes Wort noch eine Kunstgeschichtliche Anekdote:
Angeblich wurde der Maler Puvis de Chavannes einstmals gefragt,
was denn für ihn als Künstler die Steigerung einer schönen Sache wäre,
was denn äthetischer sei als das Schöne an sich?
Seine Antwort lautete: "Die Ruine einer schönen Sache".